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Blog: Ganztagsschule – Bericht über ein Modell mit Zukunft

    Wer so wie ich in den 1990ern oder davor in seine Schullaufbahn gestartet ist, berichtet von einem Schultag in aller Regel so, wie die meisten anderen, die in derselben Generation Schule kennen gelernt haben. Beginn um 7.30 Uhr in der Früh bis zum frühen Nachmittag, danach der Heimweg mit übergroßer, schwerer Schultasche mit Bus, Bahn oder zu Fuß, Essen warm machen, wenn die Eltern arbeiten mussten und schließlich Hausübung schreiben, wenn man ganz konsequent war. Ansonsten verirrte man sich doch kurz ins Freie oder vor den Fernseher. Dann kamen bald die Eltern nach Hause, kontrollierten vielleicht die Hefte, beanstandeten das eine oder andere und nach der Verbesserung war der Tag in aller Regel auch schon ziemlich zu Ende. Dann konnte noch gemeinsam etwas getan werden – fernsehen, spielen, sporteln, einem Hobby nachgehen, sich beschäftigen. Und schließlich ab ins Bett, damit am nächsten Tag alles wieder von vorne losgehen konnte.

    Ich kenne diese Art von Schule nicht, oder genauer: nur aus Erzählungen. Meine Eltern haben für mich in meiner Volksschulzeit einen anderen Weg gewählt. Einen Weg, über den wir heute im Großen diskutieren, der jetzt endlich Realität werden soll. Die Ganztagsschule. Und aus dieser möchte ich hier auch berichten.

    Meine Schullaufbahn begann im Jahr 1997 in St.Pölten, genauer in einer Schule, die nach einem der wichtigsten Schulreformer Österreichs benannt ist, einem Sozialdemokraten, der bereits in den 1920er-Jahren Ziele verfolgte, die ob der Beharrlichkeit mancher bis heute nicht Realität geworden sind – Otte Glöckel. In dieser Schule also, deren Gründer mir damals natürlich nichts sagte, betrat ich mit 6 Jahren das erste Mal einen Klassenraum, gemeinsam mit rund 25 anderen Kindern. Auf den ersten Blick waren wir nicht anders als alle anderen ErstklasslerInnen: viel zu große Schultaschen, vereinzelt mit Schultüten und ein bisschen eingeschüchtert. Wir waren ein bunter Haufen, unsere Eltern kamen aus Österreich, der Türkei, Deutschland und dem ehemaligen Jugoslawien, womit wir mehrere Sprachen in der Klasse hatten und von einer einheitlichen Zugehörigkeit zu einer Religion konnte ohnehin keiner sprechen. So also begannen wir unsere Reise durch das Schulsystem.

    Schon bald war auch uns klar, dass bei uns einige Dinge anders liefen, als in anderen Schulen. Wir bekamen zum Beispiel ein warmes Mittagessen, hatten die Möglichkeit einen großen Garten zu nutzen, konnten freiwillig Englisch lernen, wurden von unseren LehrerInnen bei den Aufgaben betreut und konnten in der Regel auch ohne, oder mit einer ganz leichten, Schultasche nach Hause gehen. Möglich war das aus einem Grund: wir waren in einer Ganztagsschule. Normalerweise war es 16 Uhr, wenn wir abgeholt wurden, oder gehen durften. Etwas früher zu gehen, war ebenso kein Problem, wie ein bisschen länger zu bleiben. Außerdem konnten wir in der Schule die Nachmittage großartig nützen. Neben Englischunterricht hatten wir die Möglichkeit, spielerisch einen PC bedienen zu lernen – ein Gerät, das sich damals noch nicht in jedem Haushalt fand – Sportangebote wahrzunehmen, Schulauftritte einzustudieren oder eben einfach Kind zu sein, miteinander zu spielen, uns kennen zu lernen. Es war eine tolle Zeit. Und die Ganztagsschule ermöglichte auch jenen, die zu Schulbeginn noch nicht so gut Deutsch konnten, schnell aufzuschließen. Durch den ganztägig organisierten Schulbetrieb konnten jene, die es brauchten, zusätzlichen Deutschunterricht besuchen, ohne etwas zu versäumen. Ebenso wurden alle anderen in jenen Fächern unterstützt, die ihnen schwerer fielen. So kamen wir eigentlich alle gut durch unsere Volksschulzeit. Und wir hatten noch einen großen Vorteil, als wir dann in die Hauptschule oder das Gymnasium kamen: wir kannten längere Schultage bereits, auch wenn diese etwas anders organisiert waren.

    Erst später wurde mir klar, dass es für die Ganztagsschule auch andere gute Gründe gibt. Zum Beispiel, dass einfach beide Eltern arbeiten müssen und trotzdem sicherstellen wollen, dass ihr Kind gut betreut ist, bis sie Zeit haben. Oder, dass es nur einen Elternteil gibt, der sich um das Kind kümmert und trotzdem Vollzeit arbeiten muss. Oder weil es daheim nicht die Möglichkeit gibt, sich um die Hausübungen der Kinder zu kümmern. All das sind weitere Gründe, wieso Kinder von einer ganztägigen verschränkten Schulform profitieren können.

    Dabei ist aber die Verschränkung das Zauberwort, das den Unterschied zu einer Regelschule mit Nachmittagsbetreuung ausmacht. Unterricht findet dort nämlich nicht nur am Vormittag statt, sondern eben auch am Nachmittag. Und wenn Kinder die Möglichkeit brauchen, eine Pause einzulegen, ist auch trotzdem Zeit vorhanden, alles unterzubringen, ohne Stress zu entwickeln, ebenso wie für Zusatzangebote oder die Förderung von Stärken beziehungsweise das Ausbügeln von Schwächen.

    Mehrere Dinge sind dafür essentiell: Schulen, die als Lebensräume ausgelegt sind und so genutzt werden können, also mit Platz zum Lernen, zum Spielen, Ruhe zu haben oder sich auszutoben. LehrerInnen, die bereit sind, Schule als ihren Arbeitsplatz zu begreifen, an dem sie auch abseits der Klasse arbeiten und dazu auch die Möglichkeiten vorfinden. Und zu guter Letzt eine Finanzierung, die das möglich macht.

    Dass sich insbesondere im letzten Punkt jetzt endlich was tut, freut mich sehr – damit geht man einen Schritt in die richtige Richtung, davon bin ich überzeugt. Ich bin ebenso überzeugt, dass meine LehrerInnen durch ihren Einsatz einen entscheidenden Anteil daran hatten, dass es bei uns so gut funktioniert hat. Aber ich weiß auch, dass wir mit dem aktuellen Beschluss noch nicht am Ziel sind.

    Hören wir auf, uns immer von irgendwelchen Kampfbegriffen wie der vielzitierten „Zwangstagsschule“ verrückt machen zu lassen und stellen wir das Wohl der Kinder in den Vordergrund: schaffen wir endlich die besten Schulen für alle Kinder. Sie sind immerhin die größte Gruppe in diesem System. Und die, die davon profitieren sollen, ja, müssen! Dafür lohnt es sich doch zu kämpfen, oder?

    Blogbeitrag von Michael Kögl

    Landesvorsitzender-Stellvertreter

    Angehender Pädagoge und Mitglied im Landesbildungsvorstand der SPÖNÖ